{"id":1962,"date":"2025-02-09T09:54:28","date_gmt":"2025-02-09T08:54:28","guid":{"rendered":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/?p=1962"},"modified":"2025-03-27T16:45:25","modified_gmt":"2025-03-27T15:45:25","slug":"cognitive-ux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/cognitive-ux\/","title":{"rendered":"Cognitive UX"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine \u00abUser Experience\u00bb &#8211; eigentlich jede Erfahrung, die wir machen &#8211; ist ein Konstrukt unseres Geistes, also unserer Kognition. Sie hat mehr mit unserer \u00abInnenwelt\u00bb zu tun als mit der Aussenwelt oder dem, was wir gemeinhin als \u00abRealit\u00e4t\u00bb bezeichnen.<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt f\u00fcr einige eventuell ziemlich ungew\u00f6hnlich. Das liegt aber nur daran, dass sich viele von uns kaum Gedanken \u00fcber die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse machen, die st\u00e4ndig in uns ablaufen. Die wenigsten besch\u00e4ftigt es, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir beispielsweise eine neue Person kennenlernen, etwas lesen oder eine Website benutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Die konstruierte Wirklichkeit<\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst einmal sollte man sich bewusst machen, dass nicht alle Informationen, die unsere Sinne aufnehmen, auch verarbeitet werden. Man sch\u00e4tzt dass wir etwa 11 Millionen Bits an Informationen pro Sekunde \u00fcber unsere Sinne empfangen, jedoch k\u00f6nnen wir nur etwa 40 Bits an Informationen pro Sekunde verarbeiten*<sup>1<\/sup>. Viele Informationen werden deswegen zun\u00e4chst ein Mal \u00abweggefiltert\u00bb. Die Auswahl trifft unser Gehirn sehr schnell, ohne unser Bewusstsein mit einzubeziehen &#8211; man spricht hier von einer \u00abpr\u00e4attentiven Verarbeitung\u00bb.<\/p>\n<p>Auch die verbleibenden Informationseinheiten, die f\u00fcr eine Weiterverarbeitung herangezogen werden, stehen uns nicht \u00abbewusst\u00bb zur Verf\u00fcgung. Sie werden erst Mal stark angepasst, bevor sie, angereichert mit Vorwissen und hypothetischen Annahmen, in unser Bewusstsein transportiert und dort weiterverarbeitet werden.<\/p>\n<p><strong>Was wir meinen objektiv wahrzunehmen, ist das Produkt eines hochkomplexen Verarbeitungsprozesses unseres Gehirns.<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie eine Anwendung wie ChatGPT uns eine recht einfache Benutzeroberfl\u00e4che pr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend im Hintergrund hochkomplexe Prozesse ablaufen, stellt uns das menschliche Bewusstsein eine \u201ebenutzerzentrierte Realit\u00e4t\u201c zur Verf\u00fcgung, die f\u00fcr uns nur einen winzigen Bruchteil der Informationen darstellt, die uns umgeben, und nur ein kleines Abbild dessen ist, was unser Gehirn tats\u00e4chlich verarbeitet und speichert.<\/p>\n<p>Zudem weist unser kognitiver Verarbeitungsprozess \u201ebauartbedingt\u201c einige Besonderheiten auf. Das liegt unter anderem daran, dass unser Gehirn extrem flexibel sein muss, weil anscheinend niemand genau wusste, welche Fertigkeiten Menschen irgendwann ben\u00f6tigen w\u00fcrden. Unsere \u00abF\u00e4higkeit zu lesen\u00bb ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr \u2013 sie ist evolutionsgeschichtlich gesehen eine sehr junge Erfindung (siehe dazu auch meinen Blog-Beitrag: <a href=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/was-passiert-in-unserem-kopf-wenn-wir-lesen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Was passiert in unserem Kopf wenn wir lesen<\/a>). Dennoch ist unser Gehirn aufgrund seiner hohen Flexibilit\u00e4t in der Lage, nicht nur Lesen zu lernen, sondern auch andere, v\u00f6llig ungewohnte Dinge. Es kann sich sogar umstrukturieren, um wiederkehrende Aufgaben schneller, effizienter und vor allem intuitiver zu erledigen. Diese erstaunliche Eigenschaft wird als <strong>\u00abNeuroplastizit\u00e4t\u00bb<\/strong> bezeichnet.<\/p>\n<p>Bei blinden Menschen werden z.B. Hirnareale, die eigentlich f\u00fcr die Verarbeitung visueller Reize zust\u00e4ndig sind, f\u00fcr andere F\u00e4higkeiten freigegeben und eingesetzt. So haben blinde Menschen einen sensibleren Tast- und H\u00f6rsinn als Sehende. Ausserdem k\u00f6nnen sie gesprochene Sprache viel schneller verarbeiten. Wer einmal erlebt hat, wie ein Blinder einen Screenreader benutzt, weiss, wovon ich hier spreche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Selektive Wahrnehmung und kognitive Verzerrungen<\/h2>\n<p>Aufgrund unserer begrenzten Verarbeitungskapazit\u00e4t in Bezug auf das \u00dcberangebot an Informationen muss unser Gehirn zwangsl\u00e4ufig viele Prozesse m\u00f6glichst einfach und effizient erledigen. Dabei werden bekannte L\u00f6sungswege bevorzugt, komplexe Strukturen und Sachverhalte stark vereinfacht und gerne Abk\u00fcrzungen bei der Probleml\u00f6sung genommen.*<sup>2<\/sup><\/p>\n<p>Allerdings bringt dies in bestimmten Situationen auch Schwierigkeiten mit sich. H\u00e4ufig kommt es zu so genannten Verzerrungen, d.h. zu Abweichungen zwischen dem objektiv zu erwartenden Ergebnis und dem Ergebnis unseres subjektiven Verarbeitungsprozesses.<\/p>\n<p>Manche dieser Verzerrungen sind so allgegenw\u00e4rtig, dass sich unsere normativen Erwartungen an diese Fehlinterpretationen angepasst haben. Daf\u00fcr gibt es in der Wahrnehmungsforschung und in den Kognitionswissenschaften Hunderte von Beispielen, die durch zahlreiche Studien belegt sind.<\/p>\n<p>Ich nenne hier nur zwei Beispiele. F\u00fcr diejenigen, die sich f\u00fcr dieses Thema n\u00e4her interessieren, habe ich am Ende dieses Beitrags etwas sehr interessantes.<\/p>\n<h3>1. Optische Mitte<\/h3>\n<p>Der Effekt der optischen Mitte beschreibt eine Verzerrung bei der Beurteilung von Objekten. Wenn wir gebeten werden, die exakte vertikale Mitte eines Objekts zu bestimmen, neigen wir fast alle dazu, diese etwa zwei bis drei Prozent h\u00f6her zu definieren, als sie geometrisch oder mathematisch tats\u00e4chlich ist. Wir haben uns so sehr an diese Verzerrung gew\u00f6hnt, dass uns Positionierungen etwas oberhalb der geometrischen Mitte harmonischer und nat\u00fcrlicher erscheinen als die exakte geometrische Mitte, und wir bevorzugen sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1969\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Optische-Mitte-1.svg\" alt=\"Wenn wir gebeten werden, die exakte vertikale Mitte eines Objekts zu bestimmen, neigen wir fast alle dazu, diese etwa zwei bis drei Prozent h\u00f6her zu definieren, als sie geometrisch oder mathematisch tats\u00e4chlich ist.\" width=\"780\" height=\"540\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Teilweise unbewusst, aber auch bewusst setzen wir die optische Mitte im Design oder in der Raumgestaltung ein. So werden Bilder in einem Rahmen oder Texte auf einer Buchseite meist vertikal h\u00f6her positioniert als ihre geometrische Mitte. Auch liegen die Mittelstriche unserer Buchstaben alle in der optischen Mitte. W\u00e4ren sie in der geometrischen Mitte, w\u00fcrden sie sich \u00abfalsch platziert\u00bb anf\u00fchlen \u2013 also auf uns unharmonisch wirken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1968\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Optische-Mitte-2.svg\" alt=\"Links: Original E aus der Helvetica. Rechts: Angepasstes E, bei dem die Mittell\u00e4nge mathematisch exakt in der vertikalen Mitte positioniert wurde.\" width=\"780\" height=\"540\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr diese Verzerrung sind wissenschaftlich nicht hundertprozentig gekl\u00e4rt. Es gibt verschiedene Theorien &#8211; wahrscheinlich ist es eine Kombination aus dem Effizienzstreben unseres Gehirns und einer fr\u00fchkindlichen Konditionierung.<\/p>\n<h4>Effizienzstreben<\/h4>\n<p>Wie schon angef\u00fchrt, beruht das Effizienzstreben unseres Gehirns vor allem auf der Beschr\u00e4nkung unserer kognitiven F\u00e4higkeiten. Aus diesem Grund ist f\u00fcr viele Probleme die optimale L\u00f6sung zu zeit- und ressourcenaufw\u00e4ndig. Zur L\u00f6sung dieser Probleme greift unsere Kognition daher auf vereinfachende Entscheidungsstrategien (sogenannte Heuristiken) oder bereits vorhandene L\u00f6sungswege und Ergebnisse zur\u00fcck, um m\u00f6glichst schnell zu einer guten, aber nicht zwangsl\u00e4ufig exakten oder optimalen L\u00f6sung zu gelangen. Dies ist auch bei der Beurteilung der Mitte von Objekten der Fall.<\/p>\n<h4>Konditionierung<\/h4>\n<p>Die Konditionierung beruht darauf, dass unser Gehirn von fr\u00fchester Kindheit an viel mit der Interpretation von Meta-Informationen zu tun hat, die uns \u00fcber Gesichtsausdr\u00fccke, also Mimik, vermittelt werden. In unserer zwischenmenschlichen Kommunikation ist es extrem wichtig, ad hoc zu erkennen, in welcher Stimmung sich unser Gegen\u00fcber befindet. Dabei spielt sich die Mimik fast ausschliesslich im unteren Gesichtsbereich ab &#8211; unser Fokus liegt also auf Mund, Nase, Augen &#8211; der obere Kopfbereich (Stirn, Haare) wird nur peripher wahrgenommen. Er wird quasi weggefiltert und tendenziell weniger beachtet. Dies f\u00fchrt zu einer \u00dcbergewichtung und \u00dcbersch\u00e4tzung der unteren Gesichtsh\u00e4lfte.<\/p>\n<div id=\"attachment_1967\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1967\" class=\"wp-image-1967 size-full\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/face-focus.jpg\" alt=\"Die menschliche Mimik spielt sich fast ausschliesslich im unteren Gesichtsbereich ab - der obere Kopfbereich (Stirn, Haare) wird von uns kaum wahrgenommen.\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/face-focus.jpg 1000w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/face-focus-300x200.jpg 300w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/face-focus-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1967\" class=\"wp-caption-text\">Der obere Teil des Kopfes, insbesondere der Haarbereich, wird von uns unterbewertet wahrgenommen, da sich die Mimik haupts\u00e4chlich in der unteren Kopfh\u00e4lfte abspielt.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00dcbergewichtung oder \u00dcberh\u00f6hung des unteren Gesichtsbereiches ist so allgegenw\u00e4rtig, dass wenn man Menschen (die keine professionellen Zeichner, K\u00fcnstler oder Fotografen sind) bittet, ein Gesicht zu zeichnen, diese die Augen meist viel zu hoch ansetzen*<sup>3<\/sup>. Anatomisch gesehen liegen sie n\u00e4mlich fast genau in der Mitte des Kopfes.<\/p>\n<div id=\"attachment_1970\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1970\" class=\"wp-image-1970 size-full\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/drawded-head.jpg\" alt=\"Die Abbildung zeigt die Zeichnung eines Erwachsenen, der gebeten wurde, sich selbst zu zeichnen. Mehr als 95% der Personen, die keine zeichnerische Ausbildung erhalten haben, positionieren ihre Augen viel zu hoch im Kopf.\" width=\"1000\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/drawded-head.jpg 1000w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/drawded-head-300x197.jpg 300w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/drawded-head-768x505.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1970\" class=\"wp-caption-text\">Die Abbildung zeigt eine Zeichnung eines Erwachsenen, der gebeten wurde, sich selbst zu zeichnen. Mehr als 95% der Personen, die keine zeichnerische Ausbildung erhalten haben, positionieren Augen viel zu hoch im Kopf.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, ist die Interpretation von Gesichtern f\u00fcr uns so wichtig, dass das Prinzip der \u00dcberh\u00f6hung der unteren Gesichtsh\u00e4lfte quasi universell auch auf andere Bereiche \u00fcbertragen wird. Der Fachbegriff daf\u00fcr lautet <strong>\u00abSelektive Verf\u00fcgbarkeit\u00bb<\/strong>. Er umschreibt die Tatsache, dass unser Gehirn bestimmte Ergebnisse und Vorgehensweisen, die wir h\u00e4ufig erfolgreich angewendet haben, leichter verf\u00fcgbar macht. Als Implikation werden diese Muster oder Informationen in unseren kognitiven Prozessen h\u00e4ufiger angewendet, als uns manchmal lieb ist \u2013 auch bei Aufgaben oder Probleml\u00f6sungen, die mit der urspr\u00fcnglichen Aufgabe rein gar nichts zu tun haben. In diese Richtung geht auch unser zweites Beispiel:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>2. Ankereffekt<\/h3>\n<p>Der Ankereffekt beschreibt die Tendenz von Menschen, sich bei Sch\u00e4tzungen oder Entscheidungen stark vom Kontext oder einer unmittelbar vorliegenden Information &#8211; dem sogenannten Anker &#8211; beeinflussen zu lassen, auch wenn dieser Anker mit der eigentlichen Fragestellung nichts zu tun hat.<\/p>\n<p>In einer Studie von Tversky und Kahneman*<sup>4<\/sup> wurden Versuchspersonen gebeten, ein Gl\u00fccksrad zu drehen. Das Gl\u00fccksrad gab ihnen eine Zahl zwischen 0 und 100. Anschliessend sollten die Probanden sch\u00e4tzen, wie viel Prozent der Mitglieder der Vereinten Nationen afrikanische L\u00e4nder sind. Die Ergebnisse waren verbl\u00fcffend, denn die zuvor durch das Drehen des Gl\u00fccksrades erhaltenen Anker beeinflussten die Sch\u00e4tzwerte signifikant. Der Mittelwert aller Sch\u00e4tzungen lag bei 45%. Der Mittelwert der Sch\u00e4tzungen von Personen, die zuvor eine Zahl von 10 oder weniger am Gl\u00fccksrad gedreht hatten, lag jedoch nur bei 25%.<\/p>\n<div id=\"attachment_1978\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1978\" class=\"wp-image-1978 size-full\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Gluecksrad.jpg\" alt=\"Zwei Personen drehen ein Gl\u00fccksrad.\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Gluecksrad.jpg 1000w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Gluecksrad-300x200.jpg 300w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Gluecksrad-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-1978\" class=\"wp-caption-text\">Mit dem ber\u00fchmten Anchoring-Experiment zeigten Tversky und Kahneman, wie Probanden von einer zuf\u00e4llig erscheinenden Zahl unbewusst beeinflusst werden, wenn sie anschliessend eine Sch\u00e4tzfrage beantworten m\u00fcssen.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie kommt es zu dieser Verzerrung?<\/strong><\/p>\n<p>Die so genannte Ankeraufgabe (Drehen des Gl\u00fccksrades und Erhalten einer zuf\u00e4lligen Zahl) aktiviert Ged\u00e4chtnisinhalte, die zur Ankerzahl passen, und stellt diese f\u00fcr nachfolgende Aufgaben in leicht abrufbaren Bereichen unseres Ged\u00e4chtnisses zur Verf\u00fcgung. Die Informationen in diesen Arealen werden dann bevorzugt genutzt, selbst bei Aufgaben, die mit der urspr\u00fcnglichen nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Praktische Bedeutung<\/h2>\n<p>So kommt es, dass das, was wir erleben und zu wissen glauben, ein Produkt unserer Kognition und leider auch gezielt eingesetzter T\u00e4uschungen ist.<\/p>\n<p>Allein dadurch, dass wir \u00fcber die allgegenw\u00e4rtigen Medien h\u00e4ufiger oder emotionaler \u00fcber bestimmte Themen oder Behauptungen informiert werden, gewichten und bewerten wir diese anders als Themen, zu denen wir eher selten informiert werden. Dies kann dazu f\u00fchren, dass wir bestimmte Risiken masslos \u00fcbersch\u00e4tzen, nur weil Medien verst\u00e4rkt dar\u00fcber berichten.<\/p>\n<p>So sch\u00e4tzt der \u00fcberwiegende Teil der Menschheit das Risiko, von einem Hai angegriffen zu werden, wesentlich h\u00f6her ein als das Risiko, von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen zu werden*<sup>5<\/sup>. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit genau umgekehrt. Allerdings wird die Nachricht \u00fcber einen Hai-Unfall von uns intensiver wahrgenommen und wahrscheinlich wird \u00fcber Hai-Angriffe auch h\u00e4ufiger in den Medien berichtet als \u00fcber Strandg\u00e4ste, die von herabfallenden Kokosn\u00fcssen erschlagen werden.<\/p>\n<p>Anker k\u00f6nnen in auch Verhandlungssituationen eine entscheidende Rolle spielen. So h\u00e4ngt beispielsweise die subjektive Einsch\u00e4tzung von Verlust oder Gewinn sehr stark vom ersten Angebot ab, das den weiteren Verhandlungsprozess massgeblich beeinflussen kann. So bieten Verk\u00e4ufer und Online-Shops Produkte gerne zun\u00e4chst teuer an, um sie dann deutlich zu reduzieren, so dass der Eindruck entsteht, der Preis sei nun extrem g\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Auch Experten sind nicht v\u00f6llig frei vom Ankereffekt. Studien*<sup>6<\/sup> belegen, dass Richter, Gutachter und Geschworene in der Vergangenheit dadurch massiv manipuliert wurden. In diesem Zusammenhang gibt es weitere Methoden, die teilweise bewusst oder unbewusst eingesetzt werden, um uns in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen, wie z.B.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\/name_de\/serieller-positionseffekt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Serieller Positionseffekt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\/name_de\/default-effekt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Default-Effekt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\/name_de\/halo-effekt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Halo-Effekt<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze m\u00fcssen nicht zwangsl\u00e4ufig zu unserem Nachteil angewendet werden. Wenn sie richtig eingesetzt werden, k\u00f6nnen sie sogar einen entscheidenden Beitrag zu einer hohen Usability und User Experience leisten.<\/p>\n<p>Viele UX\/UI Designer, die wissen, dass unser Kurzzeitged\u00e4chtnis begrenzt ist oder dass sie Benutzer \u00fcberfordern k\u00f6nnen, wenn sie ihnen zu viele Auswahlm\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung stellen (<a href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\/name_de\/hicksches-gesetz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hick&#8217;sche Gesetz<\/a>), k\u00f6nnen durch die Anwendung kognitiver Prinzipien die Usability, wenn nicht sogar die gesamte User Experience, deutlich verbessern. Es ist daher sehr wichtig, die daf\u00fcr n\u00f6tigen kognitiven Prinzipien zu kennen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund habe ich in den letzten Monaten einen m\u00f6glichst umfassenden \u00dcberblick \u00fcber die kognitiven Grunds\u00e4tze, die f\u00fcr eine gute User Experience eine grosse Rolle spielen, zusammengestellt und freue mich, diese hier vorstellen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: 1px solid #777\" class=\"alignnone wp-image-1999 size-full\" src=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux.png\" alt=\"Die Website cognitive-ux.com stellt \u00fcber 70 wahrnehmungspsychologische Aspekte vor, die wichtig f\u00fcr ein UX\/UI Design sind.\" width=\"3200\" height=\"1800\" srcset=\"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux.png 3200w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux-300x169.png 300w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux-1024x576.png 1024w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux-768x432.png 768w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux-1536x864.png 1536w, https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cognitive-ux-2048x1152.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 3200px) 100vw, 3200px\" \/><\/a><\/p>\n<h4 style=\"margin-bottom: 12px !important;\"><a href=\"https:\/\/cognitive-ux.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>cognitive-ux.com<\/strong><\/a><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Website umfasst derzeit die 72 wichtigsten kognitiven Prinzipien, die f\u00fcr eine User Experience eine Rolle spielen k\u00f6nnen. Es gibt eine Suchfunktion, eine Filteroption und die M\u00f6glichkeit, eine Favoritenliste anzulegen. Jede Woche werde ich auf meiner <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/company\/cognitive-ux\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LinkedIn-Seite<\/a> ein Gesetz oder Prinzip n\u00e4her vorstellen, begleitet von konkreten Anwendungsbeispielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Quellenangaben:<\/h3>\n<p>*1: Tor N\u00f8rretranders (1998): The User Illusion: Cutting Consciousness Down to Size.<br \/>\nDas Verh\u00e4ltnis von 10 Millionen zu 40 Bit\/s wurde von Tor N\u00f8rretranders ermittelt. Da die Erhebungsmethoden (z.B. das Aufsummieren der Wahrnehmungsmodalit\u00e4ten und die Umrechnung ins &#8220;Bit\/s&#8221;) mit zahlreichen Annahmen behaftet sind, sind die Werte als Richtwerte zu betrachten. Studien belegen jedoch, dass die bewusste Wahrnehmung nur einen Bruchteil der vom Gehirn empfangen Reize umfasst.<\/p>\n<p>*2: Herbert A. Simon (1956): Rational choice and the structure of the environment, in: Psychological Review, S. 129\u2013138; doi:10.1037\/h0042769.<br \/>\nHerbert A. Simon legt dar, dass Menschen bei der Informationsverarbeitung durch unterschiedliche Faktoren in ihrer kognitiven Leistungsf\u00e4higkeit eingeschr\u00e4nkt sind. Zu diesen Faktoren z\u00e4hlen ungen\u00fcgende Informationen, begrenzte Zeit, begrenzte Aufmerksamkeit und begrenzte kognitive Ressourcen. Menschen w\u00e4hlen daher nicht immer die optimalste, sondern angesichts dieser begrenzten Ressourcen in der Regel die erste akzeptable L\u00f6sung.<\/p>\n<p>*3: Betty Edwards (1979): Drawing on the Right Side of the Brain. Los Angeles: J. P. Tarcher.<br \/>\nIn diesem Standardwerk des Zeichenunterrichts wird erl\u00e4utert, wie Anf\u00e4nger beim Zeichnen eines Portr\u00e4ts bestimmte Gesichtsproportionen verzerrt wiedergeben. U.a. nennt Edwards das h\u00e4ufige Platzieren der Augen zu weit oben als typisches Schema, das aus unserer mentalen Vorstellung eines \u201eGesichts\u201c resultiert.<\/p>\n<p>*4: Tversky, A. &amp; Kahneman, D. (1974): Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science, 185(4157), 1124\u20131131, <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.185.4157.1124\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.185.4157.1124<\/a><\/p>\n<p>*5: Dass wir das Risiko eines Haiangriffs \u00fcbersch\u00e4tzen, liegt an der sogenannten Verf\u00fcgbarkeitsheuristik (<a href=\"https:\/\/www.verywellmind.com\/availability-heuristic-2794824\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><em>engl. Availability Heuristic<\/em><\/a>). Dramatische und medienwirksame Gefahren (wie beispielsweise Haiattacken) pr\u00e4gen sich besser in unser Ged\u00e4chtnis ein als allt\u00e4glichere Gefahren.<\/p>\n<p>*6: Englich, B., Mussweiler, T., &amp; Strack, F. (2006): Playing Dice With Criminal Sentences: The Influence of Irrelevant Anchors on Experts. Personality and Social Psychology Bulletin, 32(2), 188\u2013200, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0146167205282152\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0146167205282152<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Weiterf\u00fchrende Informationen:<\/h3>\n<p>Alessandra Rodrigues Eismann (2023): <strong>Cognitive Bias im UX Research<\/strong>, <a href=\"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/cognitive-bias-im-ux-research-ein-survival-guide\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/cognitive-bias-im-ux-research-ein-survival-guide\/<\/a><\/p>\n<p>Charlotte Ruhl, Harvard Universit (2023): <strong>Cognitive Bias: How We Are Wired to Misjudge<\/strong>, <a href=\"https:\/\/www.simplypsychology.org\/cognitive-bias.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">https:\/\/www.simplypsychology.org\/cognitive-bias.html<\/a><\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Subjektivit\u00e4t unserer Wahrnehmung und deren Einfluss auf die User Experience<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[105,89],"class_list":["post-1962","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-user-experience","tag-kognition","tag-wahrnehmung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1962"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2007,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962\/revisions\/2007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1962"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1962"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/thomas-sokolowski.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1962"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}