Oft höre ich: KI demokratisiert, indem sie Hürden beseitigt. Jeder, der eine Idee hat, erhält über KI entsprechende Werkzeuge, um diese zu implementieren.
Das klingt nach einer grossen Befreiung – gilt aber zunächst vor allem für diejenigen, die sich diese Werkzeuge leisten können – also mehrheitlich für die in einer wohlhabenden Industrienation leben.
KI ist die Eintrittskarte in eine Welt, in der jeder alles kann
Früher brauchte es Geld und viele Hände, um ein komplexes Geschäftsmodell zu realisieren. Heute können wir eine Vielzahl von Ideen mithilfe von KI in drei Tagen statt in drei Monaten umsetzen. Der Aufwand ist nicht mehr die grösste Hürde. Und genau das ist der Punkt, den die meisten übersehen. Wenn die Umsetzung plötzlich für alle möglich ist, dann entsteht über sie kein Vorsprung zu Mitbewerbern mehr. In einer Welt, in der jeder alles kann, wird der Konkurrenzdruck enorm.
«Fertigkeiten» stellen in Zukunft kein Wettbewerbsvorteil mehr dar
Das ist im Digitalen schon jetzt so und über Robotik trifft es in Zukunft auch viele die analogen Wirtschaftsbereiche.
Viele Menschen, die heute noch glauben, ihre Ausbildung, Erfahrung und Leistungsbereitschaft würden sie schützen, werden bald feststellen: Ihre Arbeit wird nicht mehr gebraucht, weil Maschinen, künstliche Intelligenz und automatisierte Systeme besser, schneller und günstiger arbeiten werden als sie es jemals können.
Was uns bevorsteht, ist eine neue Form struktureller Arbeitslosigkeit, die von uns selbst initiiert worden ist – letztendlich also von uns auch gewollt ist. Ich denke, dieser Umstand ist uns allen bewusst, wird aber gerne von vielen heruntergespielt – als würden wir ein Patentrezept dafür vorliegen haben, wie wir damit umgehen.
Das alte Leistungsprinzip passt nicht mehr zur neuen Produktivität
Unsere Gesellschaft ist auf diesen tiefgreifenden Wandel nicht vorbereitet. Sie basiert noch immer auf Vorstellungen und Werten, die aus einer Zeit stammen, in der menschliche Arbeit der zentrale Motor wirtschaftlicher Wertschöpfung war. Einkommen, Anerkennung und Teilhabe wurden überwiegend aus der persönlichen Erwerbsarbeit legitimiert. Das ist in unser aller Köpfe immer noch fest verankert. Wer arbeitet, verdient Geld; wer nicht arbeitet, muss sich rechtfertigen.
Konzepte wie ein Grundeinkommen oder ein Bürgergeld sind derzeit gesellschaftlich wie ökonomisch nicht umsetzbar, weil wir selbst nicht bereit dafür sind. Das ist die traurige Wahrheit.
Unsere Politiker denken noch in der sogenannten «Arbeitspflicht»
Diese Paradigmen prägen bis heute grosse Teile der politischen Debatte – oft unausgesprochen, manchmal aber auch sehr direkt: als moralische Erwartung, dass nur derjenige Anspruch auf Existenz hat, wer zuvor seine wirtschaftliche Nützlichkeit bewiesen hat.
In einigen europäischen Ländern – etwa in Deutschland oder Dänemark – wird inzwischen offen darüber diskutiert, die Erwerbsphase bis zu einem Alter von 70 auszuweiten. Daran zeigt sich ziemlich gut, wie realitätsfern die Denkmuster vieler Politiker sind. Während KI, Automatisierung und Robotik darauf hinauslaufen, dass künftig immer weniger menschliche Arbeitszeit benötigt wird, werden immer noch Ziele wie Vollbeschäftigung und Leistungsbereitschaft beschworen – als wären sie zeitlose Antworten auf jeden wirtschaftlichen Strukturwandel.
So sind die Probleme jetzt schon grösser, als wir wahr haben wollen: die Finanzierung unserer Renten möchte man mit einem arbeitsmarktpolitischen Scheinrezept kaschieren. Doch damit löst man nicht das Problem – sondern verschärft es. Politiker, die so argumentieren, signalisieren, dass sie nichts verstanden haben oder die Bürger bewusst täuschen möchten.
Unser zentrales Problem ist längst ein ganz anderes und lautet: Wie können wir Ressourcen und Wohlstand gerecht und menschenwürdig verteilen, wenn es nicht mehr genügend Arbeit für alle gibt?
Ganz sicher nicht, indem wir alle mehr und länger arbeiten.

Die KI-Schere geht auf! Eine Zukunfts-Prognose hinsichtlich der Entwicklung der globalen Produktivität, Gewinne multinationaler MegaCaps, Real-Löhne und Beschäftigungsgrad.
Wir müssen uns also jetzt darauf vorbereiten und unsere Beziehung zur Arbeit und Freizeit drastisch ändern. Dabei müssen wir uns ganz klar von der Idee des Lebenserwerbs* lösen – ein Begriff, den man sich tatsächlich einmal semantisch auf der Zunge zergehen lassen sollte – und auch von einer Marktwirtschaft, die stetiges Wachstum und Konkurrenz als Motor gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet.
In einer Welt, in der Roboter und Maschinen einen Grossteil der Arbeit erledigen, wird es immer weniger Arbeit für uns Menschen geben. In der freien Marktwirtschaft werden daher auch nicht automatisch die Fleissigsten – und vermutlich auch nicht die Kreativsten das Rennen machen – entscheidend werden zunehmend die Ressourcen: Kapital, Daten, Infrastruktur, Reichweite und Zugang zu Märkten sein. Am Ende könnte KI keineswegs «demokratisieren», sondern ganz im Gegenteil Monopole und neue Abhängigkeiten schaffen. Wir sehen diese Entwicklung schon jetzt recht gut.
Wenn wir diesen Wandel einfach so laufen lassen, werden die Superreichen noch reicher, während der Mittelstand an Bedeutung und Wohlstand verliert. Dabei werden immer mehr Menschen trotz Leistungsbereitschaft in die Armut abrutschen. Schon jetzt leben 16% (13 Mio. Menschen) in Deutschland in Armut – Tendenz steigend.
Ist das die Welt, in der du leben möchtest?
Es liegt in unserer Hand, jetzt eine Gesellschaft zu gestalten, in der die gesteigerte Produktivität automatisierter Wertschöpfung nicht wenigen gehört, sondern allen zugutekommt. Denke mal darüber nach, was man tun könnte, und engagiere dich – für deine eigene Zukunft und die deiner Familie!
Referenz & Quellen:
* Als Lebenserwerb bezeichnet man eine Tätigkeit, mit der jemand den eigenen Lebensunterhalt – und gegebenenfalls den Unterhalt der Menschen, für die er oder sie sorgt – sichert.
1. Daniel Susskind – A World Without Work – Wie können alle in einer Welt mit weniger Arbeit gedeihen, wie wird Wohlstand fair verteilt, wie begrenzt man Big-Tech-Macht, und wie bleibt Sinn erhalten, wenn Arbeit nicht mehr das Zentrum des Lebens ist?
2. Daron Acemoglu / Simon Johnson – Power and Progress – Acemoglu und Johnson zweigen in ihrem Werk auf, dass technologischer Fortschritt nicht automatisch Wohlstand für alle erzeugt, sondern politisch und institutionell gestaltet werden muss.
3. OECD – Artificial Intelligence and Wage Inequality – Die OECD zeiugt auf dass KI die Nachfrage nach bestimmten Arbeitsaufgaben senken und dadurch wahrscheinlich auch die Real-Löhne reduzieren wird.
4. ILO: Generative AI and Jobs: A global analysis / 2025 update
5. Our World in Data: Annual working hours vs. productivity